Zufall oder Unfall

„Ob ich oft an den Tod gedacht habe? Eher nicht. Im Grunde genommen habe ich es am Anfang gar nicht realisiert, dass ich hätte sterben können.“, erzählt Christoph, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Alles fing bei dem 16-jährigen Schüler mit häufigem Nasenbluten und geschwollenen Lymphknoten an. Als die Schwellung nicht besser wurde, machte der Hausarzt einen Bluttest. Danach ging alles sehr schnell. Christoph wurde sofort an das Universitäts-Klinikum Eppendorf (UKE) überwiesen. Dort wurde eine erschreckende Diagnose gestellt: Leukämie.

„Zuerst wusste ich überhaupt nicht, was Leukämie überhaupt ist. Bis mir der Arzt erklärte, dass ich Blutkrebs habe.“

Leukämie bedeutet übersetzt „weißes Blut“. Bei dieser Krebskrankheit werden die weißen Blutkörperchen, die für das Immunsystem des menschlichen Körpers verantwortlich sind, vom Knochenmark im Überschuss gebildet und in die Blutbahn abgegeben. Hier verdrängen sie alle anderen Blutbestandteile. So behindern sie lebenswichtige Körperfunktionen, wie zum Beispiel den Sauerstofftransport.

Es gibt verschiedene Arten von Leukämie. Christoph hat mit der Akuten Lymphatischen Leukämie zu kämpfen.
„Da mir der Arzt erzählte, dass dies eine heilbare Form der Leukämie ist, machte ich mir erst gar nicht große Gedanken, dass die Krankheit meinen Tod bedeuten könnte.“

Die Krankheit wurde bei Christoph zum Glück früh genug entdeckt. Deswegen war eine Bestrahlung bei ihm nicht nötig. Dennoch erhielt er eine starke Chemotherapie. Dies bedeutet, dass mithilfe von chemischen Medikamenten alle weißen Blutkörperchen, sowohl die guten als auch die bösartigen, abgetötet werden. Dadurch wird das Immunsystem und der ganze Körper enorm geschwächt.

Sein vorher normales Leben veränderte sich radikal. Er konnte nicht zur Schule gehen und jede körperliche Anstrengung war so gut wie unmöglich für ihn. So schaffte er es zum Beispiel nicht, von der Haustür bis zum Auto zu gehen – so geschwächt war sein Körper. Deswegen verbrachte er oft Tage im Bett oder auf der Couch. So wurde das Internet schnell neben Besuchen zum wichtigsten Draht zur Außenwelt.

Trotz aller durch die Chemotherapie verursachten Nebenwirkungen half sie. Ein Jahr nach der Diagnose im Februar 2006 konnte er schon wieder zur Schule gehen. In der schulfreien Zeit kamen Lehrer zu ihm nach Hause oder ins UKE, um gemeinsam mit ihm den verpassten Stoff aufzuholen.

Doch nicht nur seine Familie, seine Lehrer und er mussten sich an die veränderten Umstände anpassen. Auch für seine Freunde war es nicht einfach. „Diejenigen, von denen ich erwartet hatte, dass sie sich bei mir melden würden, haben das auch getan. Natürlich gab es auch einige, die nicht genau wussten, wie sie mit meiner Krankheit umgehen sollten, sodass sie sich von mir distanziert haben. Am Anfang war es frustrierend, aber ich habe inzwischen sehr viele neue Freunde gefunden.“

Im Moment ist Christoph fast am Ende der Dauertherapie angelangt. Im Februar nächsten Jahres wird sie voraussichtlich abgeschlossen sein. „Natürlich kann ich immer noch einen Rückfall erleiden. Doch ich bin optimistisch, dass dies bis zum Februar nicht mehr passieren wird. Wenn bis dahin alles gut gegangen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs zurückkehren wird, äußerst gering“, erzählt Christoph und streicht sich seine wieder lang gewachsenen Haare aus dem Gesicht.

Dass ein Rückfall jederzeit passieren kann, zeigt das Beispiel des 15-jährigen Nils aus Winsen. Auch er erkrankte an Leukämie – ebenfalls im letzten Jahr. Die Dauertherapie schien gut zu laufen, Nils war auf dem Weg der Besserung. Doch dann vermehrten sich die Leukämiezellen wieder explosionsartig. Nils musste sich erneut einer aggressiven Chemotherapie unterziehen. Da diese aber nicht ausreichte, musste für ihn schnellstmöglich ein Knochenmarkspender gefunden werden.

Die Suche nach einem geeigneten Spender ist immer äußerst kompliziert, da nicht jedes Knochenmark verwendet werden kann, sondern eine genetische Übereinstimmung zwischen Spender und Empfänger vorhanden sein muss. Ob diese vorhanden ist, lässt sich über einen Bluttest herausfinden.

Zuerst wird die Suche in der näheren Verwandtschaft des Kranken begonnen. Ist dies erfolglos, wird auf die Internationale Knochenmarksspenderkartei zugegriffen. Hier ist das Blutbild aller Menschen registriert, die sich freiwillig für eine Knochenmarksspende haben typisieren lassen.

Für Nils wurde eine große Suchaktion auf die Beine gestellt, um einen geeigneten Spender ausfindig zu machen. In der Alten Stadtschule in Winsen ließen sich 1368 Menschen testen, um Nils zu helfen. Der Andrang war so groß, dass er die Erwartungen der Veranstalter bei Weitem übertraf.

Inzwischen wurden für Nils zwei Spender gefunden. Die Knochenmarkstransplantation wird bald stattfinden.

Nils und Christoph besuchten zur gleichen Zeit denselben Kindergarten. Ein weiteres Mädchen ihrer damaligen Spielgruppe erkrankte auch an Leukämie. Purer Zufall?

Ein noch viel deutlicheres Bild findet man in der Elbmarsch: Dort ist die Kinderleukämierate die höchste weltweit. Statistisch wäre in dieser Region alle 60 Jahre ein Krankheitsfall zu erwarten. In der Realität sind es jedoch mehr als einer pro Jahr. So sind seit 1989 in der Elbmarsch und Winsen 21 Kindern an Leukämie erkrankt. Vier von ihnen starben.

Darunter auch der 21-jährige Sönke Rehr. Er erlitt mehrere Rückfälle. Am Schluss konnte ihn nicht einmal mehr eine Knochenmarkstransplantation retten. Kurz vor seinem Tod heiratete er im Rollstuhl seine Verlobte Anke. Wenige Tage später war seine Kraft erschöpft. Auf einer Reise zu Freunden nach Köln starb er in einem Krankenhaus.

Vor dem Hintergrund der 21 erkrankten Kinder stellt sich die Frage, woher diese Krankheitshäufung stammt und warum die Kinder und Jugendlichen so leiden müssen.
„Für uns ist die Häufung nicht durch einen Zufall zu erklären“, so die Zweite Vorsitzende der „Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch“, Sabine Brosowski.

Die Bürgerinitiative wurde nach dem Auftreten der ersten Kinderleukämiefälle in der Elbmarsch 1991 gegründet. „Unsere Aufgabe ist die generelle Aufklärung der Ursachen der Leukämiefälle“, erklärt Brosowski.

Zu Anfang gab es viele Theorien, die diese Ansammlung erklären sollten. Verschiedenste Kommissionen schlossen viele Faktoren aus, sodass am Ende der Verdacht auf radioaktive Strahlung fiel.

Für die Bürgerinitiative ist die „Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt“, kurz GKSS genannt, für die überdurchschnittliche Krankheitshäufung verantwortlich zu machen. Das GKSS-Forschungszentrum befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Atomkraftwerk Krümmel an der Elbe.
„Wir gehen von einem Unfall im Forschungszentrum aus, der radioaktives Material in die Luft freigesetzt hat“, erläutert die SPD-Kreistagsabgeordnete Brosowski.

Das Problem: Die Betreiber des GKSS bestreiten jeglichen Zwischenfall und hüllen sich in Schweigen.

Zeugen hingegen behaupten, dass am 12. September 1986 eine bunte, rauchlose Feuersäule aus einem der GKSS-Gebäude aufgestiegen sei. Am gleichen Tag registrierten alle Melder des Atomkraftwerk Krümmel eine überdurchschnittlich hohe Radioaktivität in der Luft, die nicht aus dem Kraftwerk selbst stammen konnte.
„Die Verantwortlichen des GKSS bestreiten bis heute jedweden Unfall, da es angeblich keine stichhaltigen Beweise gibt“, ärgert sich Brosowski.

Die Einsatzprotokolle der zuständigen Feuerwehr in diesem Zeitraum sind bei einem Archivbrand in der Feuerwache vernichtet worden.

Untermauert wird diese Theorie von Aufsehen erregenden Funden. In der Elbmarsch sowie in Winsen wurden kleine Keramik umhüllte Kügelchen gefunden, die radioaktive Strahlung absondern. Diese Kügelchen sind definitiv künstlich hergestellt, so das Urteil des international anerkannten Minsker Wissenschaftlers Mironow.

Dass die Kügelchen aus Tschernobyl oder aus Atomwaffentests in der Südsee stammen, schloss Mironow auch aus.

Doch nicht jeder von Mironows Erkenntnissen überzeugt. Die Kügelchen-Theorie wird immer noch angezweifelt. Viele renommierte Forschungseinrichtungen verweigerten die Untersuchung von Bodenproben aus der Elbmarsch. Laut eines ZDF-Berichts aus reiner „Existenzangst“.

Bei anderen Untersuchungen hingegen konnten keine Kügelchen nachgewiesen werden. „Wenn sie Bodenproben nehmen, die sie vorher nicht auf Radioaktivität getestet haben, ist das kein Wunder.“, erklärt ein Mitglied der Bürgerinitiative, dessen Name nicht genannt werden soll, verärgert. „Wenn man nichts finden will, kann man auch nichts finden.“

Deswegen herrscht weiterhin Streit um die Ursache. Gutachten jagt Gegengutachten und so weiter. Und die Wahrscheinlichkeit, dass auch weiterhin Kinder an Leukämie erkranken ist hoch, da keine grundlegenden Konsequenzen gezogen werden.

Licht ins Dunkel könnte die SPD-Bundestagsabgeordnete Monika Griefahn bringen. Sie setzt sich dafür ein, dass bislang verschlossen gebliebenen Archive des Bundesforschungsministeriums geöffnet werden, um Aufschluss über den damaligen Forschungsauftrag des GKSS zu geben, als sich dieses noch in staatlicher Hand befand. Somit könnte in Erfahrung gebracht werden, woran die Wissenschaftler im GKSS experimentierten, sodass es zu einem Austritt radioaktiven Materials kommen konnte. Griefahn selbst hat sich vor ungefähr einem Monat mit Frau Klug, der Parlamentarischen Staatsekretärin des Bundesministers für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, getroffen, um die Archivöffnung in die Wege zu leiten. „Bis die Archive offen sind, kann noch eine Weile vergehen, da viele formale Auflagen zu erfüllen sind“, so die SPD-Abgeordnete, „bis Anfang nächsten Jahres müsste aber alles durch sein.“

Doch nicht nur Ursachenforschung ist eine wichtige Komponente der Bürgerinitiative. Sabine Brosowski drückt es so aus: „Wir suchen nicht nur Kügelchen. Ein elementarer Bestandteil unserer Arbeit ist es, betroffene Familien zu unterstützen.“ Dem kranken Nils schenkten sie zum Beispiel einen Laptop, damit er dem Unterricht in seiner alten Klasse via Webcam folgen kann.

Doch wie geht es jetzt weiter? Der Vorsitzende der Bürgerinitiative Uwe Harden ist der Meinung, dass man kurz vor dem Durchbruch stehe. „Wenn es vor zehn Jahren so gut gelaufen wäre, wären wir heute schon viel weiter“, so Harden. Außerdem sei es wichtig, dass die Arbeit der Bürgerinitiative politischen Beistand bekomme.
„Ein Negativbeispiel allerdings ist, dass der Kreistag abgelehnt hat, 20 000 Euro in die Ursachenforschung zu investieren“, meint Brosowski und schüttelt den Kopf.

Ihrer Meinung nach sei es wichtig, dass das Thema Leukämie in der Elbmarsch vor allem nicht im wahrsten Sinne des Wortes „tot geschwiegen“ wird, sondern immer im Fokus der Öffentlichkeit bleibe.

Damit nicht nur den momentanen Kranken, wie Christoph oder Nils, geholfen wird, sondern auch zukünftige Krankheitsfälle verhindert werden können.

Kai Philipp Schinck, Franziska Lammers

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