Ursachenforschung

Pressekonferenz zur Leukämie-Ursachenforschung

Mit den vorliegenden neuen Ergebnissen der Unabhängigen Experten, der IPPNW, Gesellschaft für Strahlenschutz und Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch kommen wir einen entscheidenden Schritt voran.

Seit Dezember 2004 sind noch einmal Bodenproben genommen worden, aufkonzentriert und im In- und Ausland gemessen und bewertet worden.

Dabei wurde die These aus dem Jahre 2001 eindrucksvoll bestätigt, dass am 12. September 1986, wenige Monate nach Tschernobyl, ein Atomunfall in Geesthacht passiert ist und vertuscht wurde.

Damit wird kurz vor dem 20. Jahrestag von Tschernobyl klar: In Deutschland, genauer gesagt in Geesthacht, ist es viereinhalb Monate nach der Katastrophe von Weißrussland zu einem ernsten Atomunfall mit einer weitflächigen Kontamination gekommen, in deren Folge unbeteiligte Personen ernsthaft erkrankt und gestorben sind. 17 Kinder sind um die Atomanlagen seit 1989 an Leukämie erkrankt, vier von ihnen verstorben.

Lassen Sie mich die Fakten kurz darlegen, die uns zu diesem fast unglaublichen Schluss kommen lassen:Seit Beginn der Ursachenforschung wurden zunächst alle denkbaren und undenkbaren möglichen krankmachenden Umstände erforscht – mit absolut negativem Ergebnis. Es kommt nur Radioaktivität in Frage.

Die Konzentration auf Radioaktivität als möglicher auslösender Faktor brachte relativ schnell Indizien für eine Kontamination ans Licht. Schon lange vor dem Fund der radioaktiv strahlenden Teilchen bzw. radioaktives Material beinhaltenden Kügelchen im Jahre 2001 gab es folgende Hinweise:

Im Mai 1991 wurden fünf Elternteile von an Leukämie erkrankten Elbmarschkindern mit Hilfe der biologischen Dosimetrie untersucht. Ergebnis: eine im Mittel um das Achtfache erhöhte Rate an dizentrischen Chromosomen gegenüber der Rate bei unbelasteten Kindern.

In einer späteren Untersuchung der BI wurde eine vierfache Erhöhung gegenüber der Kontrollgruppe festgestellt. Man schloss damals auf eine Belastung durch alphastrahlende Elemente. Alphastrahlung wird bei der Umgebungsüberwachung routinemäßig nicht erfasst. Man konzentriert sich auf die leicht messbare Gammastrahlung.

In Baumscheiben wurde 1992 bis 1994 eine Tritiumbelastung festgestellt, ebenfalls im Jahre 1986 eingebracht .

Der „Radonzwischenfall“ am 12.9. 1986 war keiner. Auch das ist frühzeitig thematisiert worden. Die s-h. Leukämiekommission hat die Radon-These bereits 1997 verworfen. Damals kam man allerdings nicht auf die Idee, die Belastung könnte einer zweiten Quelle entsprungen sein. Wir haben den „falschen Baum hinaufgebellt.“

Die Messstation auf dem GKSS-Gelände, die den Zwischenfall am ehesten hätte dokumentieren können, fiel leider aus. Die Umgebungsüberwachung notiert dazu: „Station 3/09 38.-49. KW ungeplante Stationsverlegung nach Brand am ursprünglichen Aufstellungsort“ Der 12.9. 1986 war der Freitag der 37. KW.

Bei der Frage, in welchen Medien sich auch 10 Jahre danach noch Radioaktivität feststellen ließe, verfielen unsere Experten auf die Messung von Dachstaubproben von älteren Häusern. Dabei stellte sich heraus, dass Americium 241 in Elbmarsch-Proben eine im Durchschnitt 19mal höhere Konzentration aufweist als in den unbelasteten Kontrollregionen. Diese Konzentration ist mit Tschernobyl-Belastung oder Kernwaffen-Fallout nicht zu erklären. Es muss eine dritte Quelle in der Nähe geben.

Der öffentliche Streit um die Bewertung der Ergebnisse rief die Gutachtergruppe ARGE PhAM auf den Plan, die Ende 2000/Anfang 2001 eigene Bodenproben nahm, auswertete und mit dem verblüffenden Ergebnis an die Öffentlichkeit trat, dass im Boden um die Atomanlagen radioaktiv strahlende Teilchen zu finden sind, die auf kerntechnische Versuche hindeuten. Die Konzentration nimmt mit zunehmder Nähe zu den Atomanlagen zu.

Die Reaktoraufsicht Schleswig-Holstein hat während der ganzen Untersuchungsphase jedes einzelne Indiz wegdiskutiert. Erkennbare Beiträge, die Forschungen zu einem positiven Ende zu bringen, hielten sich in engen Grenzen. Zum Schluss wurde der Expertenkommission nicht einmal mehr das Reisegeld gezahlt. Die Hauptexponenten der BI-Seite, Inge Schmitz-Feuerhake und H.W. Gabriel, wurden systematisch als wissenschaftlich nicht ganz ernst zu nehmen diskreditiert. Das Gegenteil ist der Fall. Der Abschlussbericht der niedersächsichen Expertenkommission wurde vorsichtshalber gar nicht mit den Experten diskutiert, sondern von den beiden Sprechern im November 2004 veröffentlicht.Wiedergutmachung

Was in Geesthacht passiert ist, ist nicht wiedergutzumachen. Welche Torturen die erkrankten Kinder durchgemacht haben, was die Eltern erlitten haben und noch viel mehr diejenigen, die ihre Kinder verloren haben, kann kaum jemand nachempfinden. Die Ängste bis zur Panik, die die Kinderleukämien hervorgebracht haben – darüber redet keiner mehr.

Die Bürgerinitiative gegen Leukämie hat eine enorme Unterstützung durch die Bevölkerung erfahren. Spenden bis zu 100.000 DM, in kleinen wie großen Beträgen, von Kirchengemeinden, Schülergruppen und private Spenden begleiten uns bis heute. Mit diesen Spenden wurden die wesentlichen wissenschaftlichen Forschungen durchgeführt. Sie haben geholfen, der Ursache auf die Spur zu kommen. Dafür möchte ich im Namen der BI herzlich danken.

Radioaktive Kontamination jederzeit reproduzierbar

Das war der Sachstand vor dieser Meßreihe. Die vorliegenden Untersuchungen sagen, dass in unserer Region an bestimmten Stellen radioaktive Belastung zu finden und zu messen ist. Wir werden immer fündig direkt neben der Waldschule in Geesthacht – Grünhof. Es gibt bis heute keinen erkennbaren Versuch der schleswig-holsteinischen Behörden, diese Bodenkontamination zu beseitigen und die Kinder zu schützen. Es ist noch viel schlimmer: Es wird nicht einmal zugegeben, dass der Boden kontaminiert ist.

Forderungen

Es ist eindeutig: Die radioaktiven Teilchen im Boden gehören dort nicht hin und müssen entfernt werden. Wir fordern weiter eine umfassende Untersuchung der Umgebung auf eventuelle hot spots und Beseitigung derselben. Diese Untersuchung kann die Aufsichtsbehörde mangels Sachkenntnis selbst nicht ausführen. Dies muss von Leuten gemacht werden, die das Vertrauen der Bevölkerung genießen.

Fragen an die Bundesregierung

Wir fragen: Wie sind radioaktiven Teilchen im Boden dort hingekommen? Weil eine Verursachung von privater Seite auszuschließen ist, können nur staatliche Stellen Aufklärung darüber bringen, welcher Herkunft die Teilchen sind.

Wir fragen weiter: Welcher Unfall hat sich ereignet, der die Kontamination herbeigeführt hat?

Welche Experimente sind durchgeführt worden, warum wurde die Bevölkerung nicht gewarnt, warum wird die Kontamination nicht beseitigt ?

Da Bundesländer keine Kernforschung durchführen oder durchführen lassen dürfen, kann die Verantwortung für die zugrunde liegenden Experimente, Arbeiten o.ä. nur beim Bund, also der Bundesregierung liegen.

Aufklärung – notfalls ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss

Wir fordern die Bundesregierung auf, lückenlos und ohne Rücksicht auf eventuelle politische Begleiterscheinungen Auskunft darüber zu geben, womit in Geesthacht in den 80er Jahren, eventuell davor und danach, experimentiert worden ist. Uns interessiert besonders die Forschung auf neue Brennstoffzusammensetzungen für Forschungsreaktoren.

Sollte die Bundesregierung dies verweigern, ist der Deutsche Bundestag gefordert, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzurichten. Er wäre allemal interessanter als der BND-Ausschuss.

Uwe Harden MdL

Berlin, den 31.3. 2006

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