… keiner weiß warum.

Abnahmetext: … und keiner weiss warum. Leukämietod in der Elbmarsch

00:02
Ein Rosenherz – der letzte Gruß für den vierjährigen Rico aus dem niedersächsischen Drage in der Elbmarsch. Die meiste Zeit seines kurzen Lebens war er krank. Mit Chemotherapie, Bestrahlungen und einer Knochenmarkstransplantation kämpften die Ärzte um sein Leben. Vergeblich. Im Januar dieses Jahres ist Rico gestorben. Die Todesursache: Blutkrebs – Leukämie.
Rico ist nicht das einzige Opfer dieser bösartigen Krankheit. Nur wenige Kilometer entfernt auf einem anderen Friedhof der Gemeinde Elbmarsch, ist die neunjährige Angela beerdigt. Auch der 11 jährige Sebastian liegt hier begraben und Söhnke, 21 Jahre alt. Sie alle sind an Leukämie gestorben, vier Tote. Insgesamt erkranken 16 Kinder an Blutkrebs.

00:49
O-Ton Dr. Hajo Dieckmann
Leiter Gesundheitsamt Lüneburg
„Innerhalb von nur fünf Jahren haben wir allein in der kleinen Gemeinde Tespe sechs Leukämie-Erkrankungen gehabt. In dieser kleinen Gemeinde hätte sich statistisch nur alle 60 Jahre etwa ein einziger Erkrankungsfall ergeben dürfen.“

O1:08
Warum gibt es gerade hier an der Oberelbe diese ungeheure Häufung von Leukämieerkrankungen?

01:15
In der Gemeinde Geesthacht rund 30 Kilometer vor den Toren Hamburgs liegt das Kernkraftwerk Krümmel,

01:26
nur achthundert Meter daneben das Kernforschungszentrum GKSS. In dessen Forschungsanlage wird mit radioaktivem Material gearbeitet.

01:34
Beide Atomanlagen gehören zum Land Schleswig-Holstein.
Am anderen Elbufer liegt Niedersachsen.

1:43
Dort in der Elbmarsch treten 1990 die ersten Leukämiefälle auf. Später auch in Schleswig-Holstein.

1:52
Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Leukämiefällen und den Atomanlagen? Uwe Harden, einer der Bürgermeister in der Elbmarsch und SPD-Landtagsabgeordneter in Niedersachsen ist davon überzeugt.

02:05
O-Ton Uwe Harden
MdL SPD Niedersachsen
“Da hat es irgendeine Ursache gegeben, das ist keine Häufung von Zufällen, sondern es gibt schon ein ursächliches Ereignis. Über dieses ursächliche Ereignis müssen Leute Bescheid wissen und die sagen nichts.“

Und keiner weiss warum
Leukämietod in der Elbe
Film von Angelica Fell und Barbara Dickmann

02:33
Es ist Freitag der 12.September 1986. Alarm im Kernkraftwerk Krümmel an der Oberelbe. (Effekt)

2:42
Alle Messgeräte zeigen eine erhöhte Radioaktivität an. Männer vom Katastrophenschutz sind im Einsatz.

02:50 Off-OnTon Joachim Kedziora
KKW Krümmel
„Als ich morgens um sechs auf die Warte kam, liefen die Messgeräte, die Edelgase anzeigen und Strahlung anzeigen im gesamten überwachten Bereich nach oben.“

3:02
Anzeichen für ein Leck? Keiner kann erklären, woher die Radioaktivität im Kernkraftwerk stammt.

03:09
O-Ton Joachim Kedziora
KKW Krümmel
„Ich bin dann zum Schichtleiter gegangen und habe gesagt: Das ist nicht plausibel. Wir können nicht in allen Gebäuden gleichzeitig und auch in Gebäuden, wo es normalerweise gar keine Radioaktivität gibt, die dennoch überwacht sind, einen Anstieg der Radioaktivität haben.“

3:21
Schnell steht für das Kernkraftwerk fest, die Radioaktivität kommt nicht von innen. Sie kann nur über die Außenluft in das Kernkraftwerk gelangt sein.
Wenn die Strahlung aber nicht aus dem Atomkraftwerk Krümmel kommt, woher dann?

3:38
Gleich nebenan liegt die GKSS Forschungsanlage Geesthacht. Gab es hier einen Zwischenfall? Das bleibt zunächst völlig unklar.

3:47
Klar jedenfalls ist, dass an jenem 12. September 1986 in der Nähe von zwei Atomanlagen erhöhte Radioaktivität aufgetreten ist. Und klar ist auch, nur vier Jahre später gibt es genau hier die ersten Leukämiefälle.

4:05
Die Familie Jürgens wohnt in Tespe. Das Haus steht gleich hinter dem Deich. In Blickweite am anderen Elbufer – die beiden Atomanlagen.

4:14
Das Unheil kam von dort, glauben die Jürgens.

4:20
Ihre Tochter Nicole erkrankt 1991 an Leukämie.
Birte Jürgens hat alles gesammelt und aufbewahrt, was mit den Leukämiefällen an der Elbe zu tun hat. Fotos, Zeitungsberichte, Todesanzeigen von Nachbarskindern, gestorben an Leukämie.

4:43
Erst jetzt begreift die 16jährige Nicole, wie knapp sie damals dem Tod entging.

4:50
O-Ton Birte Jürgens, Nicoles Mutter ( Ton!)
„Beim Baden haben wir festgestellt, dass Nicole auf dem ganzen Körper kleine blaue Flecken hat, nicht so, als wenn man sich stößt und hat dann einen richtigen blauen Fleck, sondern alles ganz kleine blaue Flecken. Dann sind wir am nächsten Tag zu Doktor Forkel gegangen und der hat sofort gewusst, was los ist. Der hatte ja auch schon mehrere Kinder in Behandlung gehabt.“

5:14
Die Praxis von Kinderarzt Forkel liegt im Nachbarort. Als mit der kleinen Nicole Jürgens 1991 bereits das fünfte Kind an Leukämie erkrankt, schlägt der Kinderarzt Alarm.

5:31
O-Ton Dr. Eberhard Forkel
Kinderarzt
„Wir haben versucht, die Behörden aufmerksam zu machen, einzuschalten“ Welche?
„Sozialbehörden, Umweltministerien in Schleswig-Holstein, in Niedersachsen. Aber es kam zuerst keine Reaktion. Ich habe alle Briefe per Einschreiben geschickt und ich habe nie Antworten gekriegt …. am Anfang.“

5:52
Zwischen 1990 und 1991 erkranken sechs Menschen an Leukämie, fünf Kinder und ein junger Mann.

6:01
(schnell)
Dr. Forkel, der heutige Landtagsabgeordnete Uwe Harden und Eltern wie die Jürgens gründen 1991 die Bürgerinitiative „Leukämie“.
Als der öffentliche Druck größer wird, versprechen die Politiker plötzlich Aufklärung.

6:14
O-Ton (1991) Dr. Walter Hiller
Ehem. Sozialminister Niedersachsen
„Es muss alles daran gesetzt werden, um festzustellen, welches die Ursachen sind.“

6:19
1992 setzt zuerst Schleswig-Holstein und später dann Niedersachsen eine Untersuchungskommission ein. International anerkannte Wissenschaftler werden beauftragt: Toxikologen, Physiker, Mediziner- und Strahlenbiologen wie Professor Lengfelder.

6:38
O-Ton Prof. Edmund Lengfelder
Strahlenbiologe Universität München
„Die Kommission hat zwölf Jahre lang nach Ursachen gesucht und alle erdenklichen Ursachen ausschließen können, chemische Ursachen, Pestizide, Düngemittel, übrig geblieben ist die Vermutung, es ist von Strahlung ausgelöst.“
(SFX Nach Effekt)

6:57
Lengfelder und viele seiner Kollegen glauben, dass bei einem geheimgehaltenen Störfall, Radioaktivität freigesetzt wurde. SFX

7:03
Das habe die Leukämiefälle an der Elbe verursacht. SFX

7:11
War es das Ereignis, das am 12. September 1986 für die außergewöhnlich hohe Radioaktivität im Kernkraftwerk verantwortlich war? SFX

7:23
Was ist an diesem Tag tatsächlich passiert?

7:25 Der damalige Leiter des Kernkraftwerks beschwichtigt: „kein Grund zur Unruhe“
SFX

7:31
Seine Version:
An diesem Tag sei nur das natürlich vorkommende radioaktive Gas Radon aus dem Erdboden ausgetreten und das sei von einem Belüftungsschacht ins Innere des Kraftwerkes gesaugt worden. Daher der Alarm.

7:46
Zusätzlich habe eine tagelange Inversionswetterlage den normalen Luftaustausch blockiert, so dass sich das radioaktive Radongas in Bodennähe ausdehnen konnte. So die offizielle Erklärung – bis heute.
Doch eine Nachfrage des ZDF beim Deutschen Wetterdienst ergibt: .

8:06
Zitat: „eine durchgängige Inversionswetterlage, die einen vertikalen Luftaustausch hätte verhindern können, bestand an diesen Tagen nicht.“

8:13
Das „bodennahe“ Radongas soll in starker Konzentration in das Innere des Kernkraftwerks gelangt sein. In Krümmel liegt die Ansaugstelle für Frischluft in ca. 40 Meter Höhe.
Radon in dieser Höhe? Das Bundesamt für Strahlenschutz hält das für nicht wahrscheinlich.

8:31
O- Ton Prof. Gerald Kirchner
Bundesamt für Strahlenschutz
„Dass die Radon Konzentration in der Außenluft in bedenkliche Höhen kommt, ist auch nicht zu erwarten, also da können wir auch eindeutig sagen: dieses kann unserer Erfahrung nach in Deutschland nicht auftreten.“

8:42
Das sagt die Bundesbehörde. Die untergeordnete Aufsichtsbehörde bei der Landesregierung Schleswig-Holstein stützt die Version des Kernkraftwerks. Die besagt: die Radioaktivität ist natürlichen Ursprungs:

8:55
O-Ton Dr. Bruno Thomauske
Geschäftsführer Kernkraftwerk Krümmel
„Unsere Messergebnisse sind von der Aufsichtsbehörde geprüft worden. Und die Aufsichtsbehörde hat unsere Position geteilt und . Insofern ist dieser Fall für uns an dieser Stelle dann auch abgeschlossen. “

9:09
Die Messergebnisse könnten den Widerspruch zwischen Bundes- und Landesbehörde klären, ob es sich um natürliches Radon gehandelt hat. Doch für das ZDF bleiben diese Ergebnisse unter Verschluss.

9:22
Inge Schmitz-Feuerhake Mitglied der Untersuchungskommission Leukämie. Die Professorin für medizinische Physik forscht seit 14 Jahren nach den Ursachen für die Leukämieerkrankungen.

9:33
O-Ton Inge Schmitz-Feuerhake
Prof. f. medizinische Physik
„Wir haben das gleich nicht glauben können, dass das ein Vorfall war, bei dem natürliche Radioaktivität eine Rolle spielen sollte. Und wir waren der Meinung, dass es eine große einmalige Freisetzung gegeben haben muss. Einfach aus dem biologischen Phänomen, dass die Leukämien so schlagartig angestiegen waren.“

9:54
Die Physikerin hat nach weiteren Spuren von Radioaktivität gesucht. Und sie in den Dörfern in unmittelbarer Umgebung der Atomanlagen festgestellt. Dort wo Menschen nichtsahnend unter ihren alten reetgedeckten Dächern leben.

10:15
O-Ton Inge Schmitz-Feuerhake
Em. Prof. med. Physik
“Wir haben dann also mit Staubsaugern diese alten Balken abgesaugt und den Staub in den Staubbeuteln untersucht und dabei haben wir dann Plutonium-Isotope gefunden und andere Transurane und konnten dann sicher sein, dass diese Art von Stoffen hier nichts mit dem normalen Untergrund zu tun haben, sondern, dass es sich hier mit um kerntechnische Sonderstoffe gehandelt hat.“

10:52
Also künstlich hergestellte radioaktive Grundstoffe.
Und die Physikerin findet weitere Hinweise auf freigesetzte Radioaktivität, abgelagert in Bäumen. Sichtbar gemacht durch aufgelegtes Fotopapier, das durch die Strahlung belichtet wird.
11:11 Die Jahresringe zeigen, das die Bäume 1986 verstrahlt wurden.
11:18
Die Wissenschaftler sind überzeugt: wenn Radioaktivität in der Umwelt so deutlich nachweisbar ist, dann müssen auch die Menschen betroffen sein.
Strahlenmediziner der Universität Bremen stellen fest: Chromosomen von Familienangehörigen leukämieerkrankter Kinder aus der Elbmarsch sind verändert.
Auch bei dem Vater von Nicole Jürgens,

11:41
Off-ON-Ton Prof. Wolfgang Hoffmann
Epidemiologe
„Da gibt es ein verändertes Chromosom, hier dieses und daneben ein ganz normales Chromosom und der Unterschied ist :dass ein normales Chromosom immer nur eine von diesen Einschnürungen aufweist, während dieses Chromosom hier zwei Einschnürungen aufweist. Eine solche Zelle sehen Sie typischerweise nach der Einwirkung einer radioaktiven Belastung. So etwas kommt in gesunden Zellen praktisch nicht vor.“

12:08
Verseuchte Dachböden, verstrahlte Bäume, und veränderte Chromosomen. Die Bürger sind zutiefst beunruhigt. Birte Jürgens fordert Aufklärung:

12:19
Off-OnTon Birte Jürgens
„Damit alle Menschen hier in der Elbmarsch besser schlafen können, das man doch die Ursache herausfindet und dass dann auch wieder Ruhe einkehren kann.“

12:30
Zwischen 1994 und 1996 erkranken vier weitere Kinder an Leukämie, nun sind es bereits 10 Fälle.
Die Bürgerinitiative „Leukämie“ will Klarheit und beauftragt Ende 2000 selbst Experten.

12:46
Einer von ihnen: Heinz Werner Gabriel, Diplomingenieur der physikalischen Technik. Er war lange Jahre im Kerntechnischen Ausschuss des Bundesinnenministeriums und er hat zwei Jahrzehnte lang Kernkraftwerke in Deutschland mitentwickelt . Als er den Boden im Umkreis der beiden Atomanlagen untersucht, ist der Experte geschockt.

13:11
O-Ton Heinz Werner Gabriel
Diplom-Physiker
„Bei den entsprechenden Untersuchungen bin ich durch Zufall auf rollendes Material gestoßen beim Auftragen von Boden auf ein Blatt Papier und dabei habe ich meinen Augen nicht getraut. Ich habe Kügelchen gesehen, die ich von Berufswegen von früher kannte. Kernbrennstoffkügelchen.“

13:34
Aus der Zeit, als Gabriel an der Entwicklung von Kugelhaufen-Reaktoren mitgearbeitet hat. Bei diesem Reaktortyp wurden Kernbrennstoffkügelchen eingesetzt. Sind auch die Kügelchen in der Erde der Elbmarsch Kernbrennstoffkügelchen? .
Was hat es damit auf sich?

13:49
Die Bürgerinitiative lässt die Kügelchen von Kernphysikern und Chemikern der Universitäten Giessen und Marburg untersuchen. Deren Messergebnisse liefern den Beweis:

14:00
In den Kügelchen werden radioaktive Stoffe wie Plutonium, Americium und Curium nachgewiesen.
Tatsächlich handelt es sich also um einen Kernbrennstoff und dazu um einen besonders brisanten Kernbrennstoff. Denn der ist ganz unterschiedlich einsetzbar.

14:26
O-Ton Dr. Sebastian Pflugbeil
Physiker
„Das ist in der Literatur vielfach beschrieben, die Verwendungszwecke sind ambivalent wie in jeder Nutzung der Kerntechnik. Man kann als Vision ein Kraftwerk haben, man kann aber auch Mini-Atomwaffen damit entwickeln.“

14:41
Die Wissenschaftler interessiert jedoch nicht, ob mit dem Kernbrennstoff Bomben gebaut werden, sie wollen wissen wie gefährlich die Kügelchen für Menschen sein können.

14:54
Der Leukämie-Experte, Professor Wolfgang Hoffmann sieht potentielle Risiken:
dass radioaktive Substanzen möglicherweise noch vorhanden sind, die also lange Halbwertzeiten haben und deswegen in großen Mengen noch verfügbar sein können und die dann, wenn z.B. Staub aufgewirbelt oder Erde bewegt wird, erneut zu einer Belastung führen, beispielsweise durch Einatmen von solchem Staub.“

15:13
Das Plutonium gelangt mit dem eingeatmeten feinen Staub in die Lunge. Von hier geht ein Teil des Plutoniums direkt in die Blutbahn und wandert mit dem Blutstrom in das Knochenmark. Dort greift Plutonium die Zellen des Knochenmarks an, die als Stammzellen für die Blutbildung zuständig sind. Das Erbgut in den Zellen kann sich verändern, Leukämie kann entstehen.
O-Ton Prof. Wolfgang Hoffmann

15:39
„
Eine weitere Möglichkeit die existiert ist die, dass eine frühere Belastung mit Strahlung in der Bevölkerung dazu geführt hat, dass dort Keimzellen geschädigt worden sind, die dann später, wenn dann viele Jahre später Kinder geboren werden, zu einem erhöhten Risiko für diese später geborenen Kinder führt.“

16:04
Wie aber sind die Kügelchen ins Erdreich der Elbmarsch gelangt? Jetzt bekommt ein Ereignis aus dem September 1986 eine neue Bedeutung, das bei der Ursachenforschung bisher kaum Beachtung gefunden hatte.

16:19
O-Ton Dr. Sebastian Pflugbeil
Kernphysiker
„Im Herbst 86,Tschernobyljahr, da gibt es Augenzeugenberichte, dass es einen großen Brand gegeben hat, auf dem Hochufer, wo die Kernforschungs-Anlage GKSS steht.“
SFX

16:34
Eine Augenzeugin bestätigt den Brand l und schildert dem ZDF was sie damals im September 1986 beobachtet hat. Sie will unerkannt bleiben. SFX

16:45
„Ich saß im Auto, auf dem Weg zur Arbeit. Das war am 12. September 1986 frühmorgens . SFX

16:52
Und da sehe ich zwischen dem KKW Krümmel und der GKSS eine Feuersäule, aber ohne Rauch. SFX

16:59
Die war vielleicht 10 Meter hoch, nach oben bläulich strahlend und wie orange-rote Glut nach unten fallend. Das sah ganz unwirklich aus.“
Otto Kuhrwahl, damals Binnenschiffer beim Wasser- und Schiffahrtsamt Lauenburg fuhr mit seinem Schiff die Elbe entlang. Dabei konnte er beobachten:
O-Ton Otto Kuhrwahl, Augenzeuge
„ dass sozusagen Rauch vom GKSS quoll, aber es war kein Rauch, es war sehr farbig.Das kann man garnicht beschreiben, diese Farben, die waren weder Regenbogenfarben noch irgendwie andere Farben. Blau und grün und gelb und das quoll ziemlich dick da raus.“
Auch sein Nachbar Bernhard Lühr sah den Brand , von seinem Haus aus.
O-Ton Bernhard Lühr, Augenzeuge
Meine Frau und ich waren draußen und haben hier neben dem Haus gestanden und haben den Feuerschein da gesehen. DA haben wir gedacht, was ist denn da los. Ist da Feuer ausgebrochen? Aber nach Feuer sah das gar nicht aus. Das war gelb, überwiegend gelb, grün und bläulich. Und der Hintergrund das war so, als wenn dahinter eine Wolke war.
SFX

17:08
O-Ton Dr. Sebastian Pflugbeil
Kernphysiker
„… wenn so ein Brand in Verbindung mit diesen Kügelchen entstanden ist, dann ist leicht vorstellbar, dass diese Kügelchen über Kilometer weit durch die Thermik bewegt worden sind. “ SFX

17:21
Das ZDF fragt bei der zuständigen Feuerwehr in Geesthacht nach. Auskünfte zu einem solchen Brand will man nicht geben, kann es auch nicht. Denn: alle Einsatzprotokolle vom September 1986 gibt es nicht mehr.
Sie sind vernichtet worden bei einem Brand– ausgerechnet bei der Feuerwehr selbst.1991 als die ersten Leukämie-Fälle bekannt wurden.

17:42
Die meisten Wissenschaftler der Untersuchungskommission sind überzeugt, dass die Kügelchen durch einen Brand oder durch eine Explosion in der Nähe der GKSS in die Umgebung gelangt sind.
Das Kernforschungszentrum streitet das ab.

17:57
O- Ton Prof. Wolfgang Kaysser,
Kernforschungszentrum GKSS
„Es gab keine Explosion oder irgendeinen Brand, bei dem derartige Strahlungen freigesetzt werden hätten können. Das gab es nicht.“

18:09
Doch ein Vergleich von Satellitenfotos von August 86 und September 86 zeigt Auffälligkeiten. Innerhalb eines Monats hat sich ein bestimmter Teil des Geländes optisch verändert, genau an der Stelle, an der laut Augenzeugin der Brand zu sehen war.

18:24
Off-OnTon Prof. Wolfgang Mauser
Institut f. Geographie Universität München
„Diese Veränderungen sind durchaus in dem Bereich, wo man vermutet, dass ein Ereignis stattgefunden hat. Es ist auf einzelnen dieser Bildpunkte zu erkennen, dass die Vegetation im Gegensatz zum August zurückgegangen ist.“

18:38
Die Veränderung – dokumentiert durch Luftaufnahmen .

18:46
Auch an Ort und Stelle deutlich zu erkennen: Zwischen Kernkraftwerk und GKSS Forschungszentrum gibt es einen Krater mit einem Durchmesser von cirka 100 Metern mit einem überraschend jungem Baumbewuchs.

19:01
Passierte hier also ein Unfall, bei dem die Kügelchen in die Umgebung gelangten?
Zumindest kann die Existenz von Kügelchen nicht bestritten werden. Auch nicht von der GKSS.

19:16
O-Ton Prof. Wolfgang Kaysser, Kernforschungszentrum GKSS
„Man hat hier sehr viele „Kügelchen“ in Anführungszeichen, rundliche Dinge gefunden, die aber nichts mit Radioaktivität zu tun haben. Das sind zum Teil biologische Elemente, die da ausschließlich drin sind, zum Teil Keramik und es ist ein bisschen unklar, woher das kommt, es könnte Flugasche sein oder ähnliches.“

19:36
Dem widersprechen aber die Messergebnisse von Wissenschaftlern der Universitäten Giessen und Marburg aus dem Jahre 2001. Die Organisation
„ Internationale Ärzte gegen den Atomkrieg“ erstattet Anzeige. Gegen das Kernkraftwerk Krümmel, gegen das Forschungszentrum GKSS und das Ministerium für Finanzen und Energie wegen des „Verdachts des Freisetzens ionisierender Strahlen“.
Die Lübecker Staatsanwaltschaft ermittelt und stellt das Verfahren nach nur einem Jahr ein. Begründung: „mangelnder Tatverdacht.“

20:10
Zwischen 2001 und 2004 erkranken erneut fünf Kinder an Leukämie. Nun schon 15 Fälle.

20:19
Am 1. November 2004 kommt es zum Eklat. Nach 12 Jahren legen sechs der insgesamt acht führenden Wissenschaftler der schleswig-holsteinischen Untersuchungskommission „Leukämie“ ihre Arbeit nieder. Die Begründung: sie seien von den offiziellen Stellen systematisch behindert worden.

20:37
O-Ton, Prof. Otmar Wassermann,
Toxikologe, EM an der Uni Kiel/Vorsitzender der ehem. Untersuchungskommission „Leukämie“
(Datumsinsert 1.11.2004)
„Wir haben ernstzunehmende Hinweise, dass zwischen diesen beiden Atomanlagen an der Elbe ein Unfall aufgetreten ist – 1986, mit entsprechenden Kontaminationen und dies alles wird unter den Teppich gefegt. Wir werden nicht unterstützt durch die Staatsanwaltschaft und nicht durch das Landeskriminalamt. Das heißt, hier wird etwas vertuscht, was die Öffentlichkeit nicht erfahren darf.“

21:00
Doch die massive Kritik aus der renommierten Kommission wird vom Tisch gewischt.

21:07 O-Ton Dr. Gitta Trauernicht,
Sozialministerin Schleswig Holstein,
(Datum Insert 3.11.2004)
„Sie hat eben kein radioaktives Potential, diese Kugel, oder diese Kügelchen und es gibt überhaupt keine Vertuschung eines Atomunfalls in der GKSS. Das ist absurd, das ist abwegig.“

21:19
Und der damals zuständige Umweltminister Klaus Müller? Er verweist auf die Studien, die die Landesregierung Schleswig-Holstein zur Klärung in Auftrag gegeben hat.

21:30
O-Ton Klaus Müller ( Datum Insert 3.11. 2004)
Ehem. Umweltminister Schleswig-Holstein
„Diese Studien sind alle zu einem Ergebnis gekommen: nämlich dass kein Vorfall in einem Atomkraftwerk oder in der GKSS ursächlich für die Leukämiefälle zu nennen ist.“

21:44
Für die Studien hat die Landesregierung Schleswig Holstein vier ein halb Millionen Euro ausgegeben. Doch ausgerechnet die mit drei Millionen. Euro teuerste Studie hat sich mit erhöhter Radioaktivität , als Folge eines Störfalls gar nicht beschäftigt.
Denn die Studie hatte eine ganz andere Fragestellung
Zitat: „Verursachen radioaktive Emissionen aus Atomkraftwerken im Normalbetrieb ein erhöhtes Risiko für Leukämien und Lymphdrüsenkrebs?“.
Mit der Erforschung der Kinderleukämie an der Elbe hatte das nichts zu tun.

22:18
O-Ton Prof. Wolfgang Hoffmann,
Epidemiologe, Universität Greifswald
„Unsere Untersuchung hatte von vornherein eine andere Fragestellung, so dass sie jetzt selbstverständlich auch nicht als Entwarnung oder ähnliches herangezogen werden kann. Unsere Untersuchung macht keine Aussagen über die Ursachen oder mögliche Ursachen des Leukämie- Clusters bei Kindern in der Elbmarsch.“

22:37
Es ist eben ein Unterschied, ob der Normalbetrieb eines Kernkraftwerks untersucht wird, oder die Folgewirkung eines möglichen radioaktiven Störfalls in einem Kernforschungszentrum.
Eine falsche Fährte, sollte etwas vertuscht werden? Die Menschen an Elbmarsch und Geest jedenfalls sind skeptisch:

22:57
O-Ton Uwe Harden,
Landtagsabgeordneter SPD Niedersachsen
„1986, Tschernobyl war gerade passiert, da wäre hier die Atomindustrie still gelegt worden, ganz einfach. Die friedliche Nutzung wäre erledigt gewesen.“

23:08
Tatsache ist, dass nirgendwo so viele Kinder an Leukämie erkranken und sterben – weltweit.

23:16
O-Ton Prof. Wolfgang Hoffmann
Epidemiologe
„Es ist das größte raum-zeitliche Cluster, wie wir das nennen so eine Anhäufung von Fällen, was bisher in der internationalen wissenschaftlichen Literatur beschrieben worden ist.“

23:27
Dennoch: Keine Untersuchungen der Landesregierungen von Niedersachsen und von Schleswig Holstein, haben die Ursache dafür gefunden. Bis heute nicht.
Schleswig Holstein schließt 2004 die Akte Elbmarsch.
Und auch Niedersachsen zieht einen Schlussstrich. Bleibt die Frage: Woher kommt dann die nachgewiesene Radioaktivität ?

23:48
O- Ton Prof. Erich Wichmann,
Vorsitzender Untersuchungskommission Niedersachsen
„Möglicherweise aus den oberirdischen Kernwaffenversuchen bzw. dem Reaktorunfall von Tschernobyl.“

23:55
Im Dezember 2004 werden auf Veranlassung und auf Kosten der Bürgerinitiative Leukämie und der „ Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg“ Erdproben für eine neue Analyse genommen. Das ZDF begleitet die Untersuchung.
Unter juristischer Aufsicht werden die Probenbehälter versiegelt. Ein renommiertes Institut für Mineralogie sagt zu, die Bodenproben auf Radioaktivität zu untersuchen.
Doch nur zwei Tage später wird aus der Zusage, eine
Absage. Der Leiter des Instituts erklärt dem ZDF,
dass er mit Kügelchen nichts zu tun haben wolle.
die Brisanz der Problematik sei einfach zu hoch

Weiter lässt er erklären:
Wenn wir an einer Untersuchung von Kügelchen interessiert wären, sollten wir uns an das Bundeskriminalamt bzw. die Polizei wenden. Die könnten dann eine offizielle Untersuchung an sein Institut weitergeben.

24:20
Ein überraschender Sinneswandel in nur zwei Tagen.

24:47
Das ZDF fragt bei anderen, insgesamt 17, anerkannten Instituten im In- und Ausland an, die Kügelchen von der Elbe auf radioaktive Inhalte zu untersuchen. Immer ohne Erfolg.
Warum tun sich manche Labore so schwer, wenn es um die Problematik ‚Elbmarsch-Leukämie‘ geht?

25:07
O-Ton Dr. Hajo Dieckmann,
Internationale Ärzte gegen den Atomkrieg IPPNW
„ Labors sind in aller Regel abhängig von Aufträgen der Atomindustrie oder von Aufträgen, die international vergeben werden, zum Beispiel durch die `Internationale Atomenergie Organisation`. Die Labors exponieren sich, wenn sie Befunde bestätigen und werden häufig abgestraft in der Folgezeit durch Verlust an Aufträgen.“

25:30
Ein privates geologisches Labor bei Weinheim erklärt sich schließlich bereit, zunächst eine mineralogische Analyse der Proben durchzuführen. Dr. Werner Fuhrmann von GeoLab kann in dem versiegelten Material Kügelchen nachweisen. . Sein Untersuchungsergebnis:

25:48
O-Ton Dr. Werner Fuhrmann,
Mineraloge ‚GeoLab‘
„Diese Kügelchen sind nicht natürlicher Entstehung. In diesem Sand waren Teile oder Komponenten zu sehen, die ganz eindeutig in dieses Sediment nicht hinein gehören … Bruchstücke, Schwarz-metallisch glänzend und dann vor allem diese Kügelchen. “

26:03
Mit Hilfe eines Magneten demonstriert Dr. Fuhrmann, diese Kügelchen haben einen metallischen Mantel.

26:11
Der Geigerzähler misst Radioaktivität.

26:17 O
ff-On Ton Dr. Fuhrmann
„..und zwar so, dass es in bestimmten Proben bis zur fünffachen Höhe über dem normalen Grundstrahlungsniveau aufgetreten ist.“

26:28
Ein Indiz dafür, dass der Boden radioaktiv belastet ist. Doch welche Gefahr von den Kügelchen tatsächlich droht, das kann nur die Analyse des inneren Kerns leisten. Nur wenige Laboratorien können eine solch aufwendige Untersuchung durchführen. SFX

26:48
Ohne zu wissen woher die Proben stammen, nimmt Professor Vladislav Mironov von der „Internationalen Sacharow-Umwelt-Universität“ in Minsk den Auftrag an. Seit dem Reaktor-Unfall in Tschernobyl betreibt man hier umfangreiche Forschung über radioaktive Kontamination und verfügt über weltweit anerkannte Kompetenz.

27:07
Der Professor der Kernphysik ist ein Experte auf dem Gebiet der Plutonium – Bestimmung, wie seine Arbeiten für die UNESCO, die EU-Kommission oder auch für die Europäische Atomgemeinschaft zeigen.

27:19
Rund sechs Monate dauert es, bis die Ergebnisse von vier, der unter Aufsicht versiegelten Proben, feststehen. Das Resultat ist eindeutig und eine Sensation. Denn der Messbericht der Universität Minsk beweist die Radioaktivität in den in der Umgebung der GKSS aufgefundenen Kügelchen.

30:59
O-Ton Prof. Vladislav Mironov, Kernphysiker
„Das hier festgestellte Isotopenverhältnis ist auf jeden Fall künstlich und kommt so in der Natur nicht vor.
Es stammt weder vom GAU in Tschernobyl, noch von den Atombombentests , die Quelle, woher die Kontamination kommt, das sollten sie versuchen, in Deutschland zu klären.“

28:26
Diese Werte legen wir deutschen Kernphysikern vor. Sie sollen die Daten aus Minsk aus ihrer Sicht bewerten. Die Experten wissen nicht, woher das in Minsk analysierte Material stammt.
Auch Ihre Beurteilung ist eindeutig:

28:40
Zitat:
„Die Proben enthalten teils angereichertes, teils abgereichertes und damit künstlich bearbeitetes Uran.“
Und ein weiterer Physiker:

28:51
Zitat: „die Quelle der Radioaktivität kann nur von einem Reaktor oder einer Wiederaufbereitungsanlage kommen. Über so hohe Thorium- und Plutoniumwerte in Deutschland sollte man sich wundern“

29:05
Als diese Wissenschaftler erfahren, dass es sich hier um Material aus der Elbmarsch handelt, wollen sie anonym bleiben.

29:13
Und doch bestätigen sie die Ergebnisse der Messungen aus Minsk. Was im Boden der Elbufer liegt, ist von Menschenhand gemachtes radioaktives Material.

29:23
Davon ist auch der Kernphysiker Dr. Schalch von der Universität Gießen überzeugt. Anhand der Verhältnisse der Plutonium, Uran und Thoriumwerte aus der Minsker Analyse stellt er fest:

29:35
O- Ton Dr. Dirk Schalch, Leiter Zentrale Strahlenschutzgruppe, Universität Gießen
„Hier ist es so, dass die Ergebnisse von Professor Mironov sehr eindeutig zeigen, sie kommen nicht aus dem Fall-Out, sie kommen nicht von Tschernobyl.

29:42
Für den in der Atommesstechnik erfahrenen Wissenschaftler stellt sich die Frage:

29:48
O-Ton Dr. Dirk Schalch
“Warum liegen die Kügelchen in der Umgebung von Geesthacht ? Man deckt das ja gerne zu mit Tschernobyl oder mit dem fall-out von den Kernwaffentests. JA, dann müssten die Kügelchen doch über ganz Deutschland verteilt sein … sind sie aber nicht.“

30:08
Auch wenn bis heute keine Ursachenzusammenhänge nachgewiesen sind, Ungereimtheiten gibt es nach wie vor:

30:15
Merkwürdig, dass in unmittelbarer Umgebung von zwei Anlagen, die mit atomaren Stoffen arbeiten, die weltweit höchste Leukämierate bei Kindern auftritt.

30:25
Dass Indizien, die für einen atomaren Störfall sprechen, bisher nicht weiter verfolgt wurden.
Und dass wissenschaftliche Untersuchungen erhöhte Werte von radioaktiven Stoffen feststellen, die so in der Natur nicht vorkommen.
Gründe genug die Akte Elbmarsch noch einmal zu öffnen?
Die GKSS Forschungsanlage hat sich zu einer erneuten Prüfung bereit erklärt, wenn ihr alle Erkenntnisse aus diesem Film zur Verfügung gestellt werden.

30:43
Der lange Leidensweg von Nicole und ihrer Familie scheint vorüber zu sein. Aber die Angst bleibt, immer.

30:52
Off-OnTon Birte Jürgens, Nicoles Mutter
„Nach zwei Jahren dann hatte sie ganz viele Leberflecken überall dann denkt man wieder, oh. Jetzt geht´s auf einer anderen Seite los und dann kommt man hin, das ist ganz normal, das ist eine Pigmentstörung, die haben die von der Chemotherapie – und solche Sachen wird’s wahrscheinlich ein Leben lang geben.“

31:09
Nicole Jürgens hat überlebt. Doch die unheimliche Leukämie-Serie setzt sich fort. Erst im Dezember 2005 ist wieder ein Kind erkrankt. Es ist das sechzehnte.

31:38
Crawl-Ende

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