Buchbeitrag

Die Leukämie in der Elbmarsch

Szenario:
Zwischen Ende 1989 und Mai 1991 erkrankten in der Samtgemeinde Elbmarsch (8.000 Einwohner) fünf Kinder zwischen einem und neun Jahren sowie ein junger Erwachsener an Leukämie. Ein weiteres Mädchen von sieben Jahren erkrankte an aplastischer Anämie, einer Blutkrankheit, die in Leukämie übergehen kann. Ein Junge starb im Juni 1990, ein Mädchen im Januar 1992, der junge Mann im Oktober 1992. Die anderen Kinder leben noch und scheinen geheilt zu sein. Neue Fälle von kindlicher Leukämie sind weder vorher noch hinterher aufgetreten.
Die Samtgemeinde Elbmarsch liegt im Urstromtal der Elbe, das gegenüberliegende Elbufer, an dem das AKW Krümmel liegt, steigt bis zu 70 Metern steil an. Die Krankheitsfälle traten alle entlang der Elbe auf niedersächsischer Seite auf, fünf direkt gegenüber dem Atomkraftwerk Krümmel, in dessen Nachbarschaft sich einer der ältesten deutschen Kernforschungsreaktoren befindet. Diese Lehrbuchsituation für durch Strahlung verursachte Leukämiefälle bildet den Hintergrund für die aufwendigste Leukämie-Cluster-Untersuchung, die es in Deutschland je gegeben hat.
Jahrelang berichteten Medien über die grausame Krankheit, deren Therapie nur unter entsetzlichen Qualen für die Kinder möglich ist., über immer neue Erkenntnisse, die die Ursachenforschung ans Tageslicht brachte – aber auch über die Knüppel, die die atomgläubige Wissenschaft und ihre Helfer kritischen Bürgern und Wissenschaftlern zwischen die Beine warf. Die Medien berichteten von mutigen Frauen und Männern, die abschalten wollten, was ihr Leben und das ihrer Kinder bedroht. Und diese bundesweit bekanntgewordene Bürgerinitiative wäre nicht möglich gewesen ohne eine Mutter namens Birte Jürgens, die sich öffentlich zu der Krankheit ihrer Tochter bekannte und ohne Sönke Rehr, der die letzten 18 Monate seines Lebens nutzen wollte, um zu wissen, „für wen ich ein Restrisiko bin.“ Sie wäre aber auch nicht möglich gewesen ohne die Mithilfe der Umweltschutzorganisation Robin Wood, die durch die Blockade des Krümmel-Werkstores mehrfach das Augenmerk auf die ungeklärten Fragen richtete.

Das Ergebnis der Untersuchung ist noch offen und wird es wohl bleiben. Für die Menschen in der Elbmarsch hingegen ist die Ursache klar: Radioaktive Strahlen aus dem AKW – auch wenn die Fülle von Indizien nicht zu einer Stillegung geführt hat. Deswegen haben mehr als 11.000 Menschen aus der Region bereits im September 1991 mit ihrer Unterschrift die sofortige Abschaltung der Atomanlagen gefordert, bis bewiesen ist, daß sie für die Leukämieverursachung nicht verantwortlich sind.

Die ersten Symptome – schreckliche Gewißheit

Janne* war mit ihren 3 1/2 Jahren war ein fröhliches, springlebendiges Kind, selten krank und nur schwer ins Bett zu bekommen. Melanie Ries* machte sich daher sofort Sorgen, als Janne* zwei Tage lustlos und müde war. Als sie abends in der Badewanne dann auch noch eine Vielzahl von kleinen, stecknadelkopfgroßen blauen Flecken auf ihrem Rücken sah, ohne daß Janne sich gestoßen hatte, beschloß sie, doch lieber zum Arzt zu gehen.
Dr. Forkel, der als Allgemeinmediziner auch den Frauen- und Kinderarzt in der kleinen Samtgemeinde Elbmarsch versieht, hatte Mühe, seine aufsteigende Panik zu verbergen. Er ordnete eine Blutuntersuchung an und bat Frau Ries, sich doch am nächsten Tag wiederzumelden. Sein Verdacht bestätigte sich leider. Der Laborbefund lautete eindeutig auf Leukämie – und das war der dritte Fall von Leukämie innerhalb eines Vierteljahres in seiner Praxis. Die anderen Kinder waren Jens*, 3 Jahre und Monika*, 7 Jahre. In den 10 Jahren seiner Prxis zuvor war ihm erst eine einzige kindliche Leukämie begegnet. Die ärztliche Schweigepflicht verbot ihm, mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit zu treten – er wandte sich schriftlich an die Gesundheitsbehörden.

4 Fälle- der erste Verdacht

In dem 3000-Seelen-Dorf Tespe machte die Nachricht von den drei leukämiekranken Kindern schnell die Runde. Am 22. März 1990 titelte ein örtliches Anzeigenblatt : “Ungewöhnliche Häufung von Leukämiefällen beunruhigt nicht nur die Tesper Eltern.”1 Der Autor verglich die Häufung mit einem ähnlichen Ereignis in der Gemeinde Sittensen und mit der Serie von kindlichen Leukämien in Sellafield. Gerade erst hatte der britische Epidemiologe Gardener aufgezeigt, daß Kinder von Männern, die in der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield gearbeitet hatten, häufig an Leukämie erkrankten. Der englische Gesundheitsminister empfahl daraufhin Männern, die in Sellafield arbeiten, keine Kinder zu zeugen. “Alle … Fälle ereigneten sich in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerks Krümmel und des dortigen Forschungsreaktors – soweit eine Parallele.” zeigte das Anzeigenblatt auch schon früh mögliche Ursachen auf. 2 Die örtliche SPD lud zu einer Podiumsdiskussion über mögliche Gefahren radioaktiver Niedrigstrahlung ein – wenige Tage vor der Veranstaltung erkrankte ein viertes Kind an Leukämie.
Zur Veranstaltung drängten sich 150 Personen, für politische Veranstaltungen in der dörflichen Samtgemeinde Elbmarsch ein untypisch guter Besuch. Die Besorgnis war mit Händen zu greifen. Die inzwischen mehrfach benachrichtigten Behörden schwiegen sich bis auf den Landkreis Harburg aus. Erst im September 1990 erfuhr eine Abordnung der Elbmarsch-SPD von der inzwischen neu ins Amt gekommenen Umweltministerin Monika Griefahn, daß in der Elbmarsch schwerpunktmäßig Untersuchungen auf Umweltrisiken vorgenommen werden sollen.

Leon*
Beim neunjährigen Leon* stellt der Arzt im April Leukämie fest – ein Schock für die Eltern, die sich besonders gesundheitsbewußt ernähren. Leon erträgt die Chemotherapie nicht lange – im Juni wird er von seinen Leiden erlöst. Seine Eltern kommen jahrelang nicht über den Verlust ihres einzigen Sohnes hinweg. Sie werden krank an der Seele und kommen erst langsam wieder ins Gleichgewicht, als sie nacheinander noch zweimal Eltern werden. Diese Unbeschwertheit des ersten Elternglücks stellt sich nie wieder ein – dem stehen die Erinnerungen im Wege.

Es sollte noch geschlagene sieben Monate dauern, ehe die angekündigte Untersuchung vorgestellt werden konnte. Noch im November 1990 waren sich Experten nicht einig in der Bewertung der Elbmarsch-Leukämiefälle. Selbst die Einstufung als Cluster schien fraglich.

Nicole
Aufmerksam werden Birte und Hans-Georg Jürgens schnell, als ihre kleine eineinhalbjährige Nicole früh müde wird, still und teilnahmslos wirkt. Als noch kleine, stecknadelkopfgroße blaue Flecken an Rücken und Beinen hinzukommen, ahnt Birte Jürgens schon, daß es Leukämie sein könnte. Aus dem Verdacht wird Gewißheit. Doch Birte und ihre Tochter geben nicht auf. Sie läßt sich von ihrem Arbeitgeber beurlauben, um wochenlang bei Nicole auf der Eppendorfer Kinderstation zu sein, wo ihr Immunsystem mit Chemotherapie zerstört wird, um die Leukämiezellen zu vernichten. Sie tröstet sie, gibt ihr zu essen, wenn sie denn essen kann und spielt mit ihr. Sie baut sie zu Hause wieder auf, damit sie die nächste Chemotherapie übersteht. Die ist noch schwerer als die erste – doch die Behandlung hat Erfolg. Die ausgefallenen Haare wachsen wieder, Nicoles frühere Lebhaftigkeit kehrt zurück.

Der Arzt Dr. Eberhard Forkel, in dessen Praxis die meisten Leukämiefälle diagnostiziert wurden, betraute Anfang 1991 den Kasseler Kinderarzt Dr. Matthias Demuth mit der Aufgabe, wissenschaftlich exakt darzustellen, ob es ein Leukämie-Cluster Elbmarsch gibt und wie es zu bewerten sei. Die Studie mit dem Titel „Leukämiemorbidität bei Kindern in der direkten Umgebung des Kernkraftwerkes Krümmel“3 lag im Juni vor und beurteilte zusammenfassend das Cluster so:
„In der direkten Umgebund des Kernkraftwerkes Krümmel traten von Beginn des Jahres 1990 bis zum Mai 1991 fünf Leukämiefälle bei Kindern auf. Dies ist in Anbetracht der Seltenheit kindlicher Leukämieerkrankungen eine äußerst ungewöhnliche Abweichung. Eine derartige Anzahl von Leukämiefällen in einem so engen zeitlichen Rahmen ist in einem so kleinen Gebiet in der Bundesrepublik bisher noch nicht beobachtet worden. Die Abweichungen der aufgetretenen Leukämiefälle
von der Anzahl der im Bundesdurchschnitt nach zu erwartenden Fälle ist ähnlich deutlich wie beispielsweise in der Umgebung der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield, wobei die Erkrankungsfälle dort in sehr viel größeren zeitlichen Abständen auftraten….die ungewöhnliche Erhöhung der Leukämiefallzahlen, noch dazu in direkter Nähe eines Kernkraftwerkes,halte ich für sehr beunruhigend. Solange nicht das Gegenteil bewiesen wurde, wird man in Erwägung ziehen müssen, daß diese Erkrankungen am ehesten durch radioaktive Emissionen des Kernkraftwerkes hervorgerufen wurden.“ 4

Ende März 1991 kündigte die Bezirksregierung Lüneburg ein 16-Punkte-Untersuchungsprogramm an, mit dem alle denkbaren schädlichen Umweltfaktoren untersucht werden sollten. Mitte April wurde das Programm der Öffentlichkeit in Tespe vorgestellt. In der aufgeheizten Atmospäre der Schützenhalle ließen etliche unter den 400 Anwesenden ihrer Wut über die zögerliche Behandlung der Leukämiefälle freien Lauf. Die Besonneneren waren mit dem vorgelegten umfassenden Umwelt-Monitoring nicht unzufrieden, gingen die Fragen doch allen Spuren nach, auch den scheinbar abwegigen. Im einzelnen sollte untersucht werden:
“Ist die Elbe die Ursache?
1. Suche nach weiteren Leukämieclustern entlang der Elbe
(Kinderkrebsregister Mainz, Krebsregister der ex-DDR)
2. Schadstoffmessungen im Aerosol der Staustufe Rönne/ Geesthacht (TU Harburg)
3. Toxikologische Bewertung der Schadstofffracht der Elbe (Phtalate, Halogenester, Tributylzinn) durch die ArGe Elbe 5
4. Schadstoffmessungen in der Milch von Kühen, die im Deichvorland grasen (Projekt)
5. Umweltbelastungen bei der Deicherhöhung mit Elbsedment (Schadstoffgutachten)

Gibt es Besonderheiten der örtlichen Immissionssituation ?
6 Belastung mit ionisierenden Strahlen (Reaktoren, Tschernobyl)
7. Belastung mit elektromagnetischen Feldern (Sender, Hochspannung)
8. Belastung mit chemischen Schadstoffen aus der Industrie
9. Existenz von Altlasten bzw. belasteten Kinderspielplätzen

Gibt es besondere Risikofaktoren im häuslichen Bereich ?
10. Untersuchung der Innenraumbelastung mit Radon und Lösemitteln (Benzol)
11. Untersuchung von Muttermilch auf Schwermetalle, Organochlorverbindungen und Radioaktivität
12 Ermittlung von Besonderheiten beim Anbau eigenen Gemüses (Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemittel, Herkunft des Beregnungswassers)
13. Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln gegen Insekten und Nagetiere

Gibt es besondere Risikofaktoren im medizinischen Bereich?
14. Nachweis von Antikörpern gegen leukämogene Viren
15. Effekt-Monitoring (Chromosomenanalxse?) (Röntgenaufnahmen und Einsatz leukämieverdächtiger Medikamente bereits geprüft)

Ist das Trinkwasser die Ursache ?
16. Belastung des Trinkwassers (Pflanzenschutzmittel, Altlasten) “

Die Niedersächsische Landesregierung installierte eine Arbeitsgruppe zur Information der Bevölkerung, zu der neben etlichen Wissenschaftlern auch Vertreter des AKW Krümmel, der Chemischen Fabrk Bock, der Gemeinden, von Schulen und Kindergärten sowie der Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch gehören, die sich formal am 8. Mai konstituierte. Sprecher wurden Dr. med. Helga Dieckmann, Ilona Halbe und Uwe Harden, Vertreter waren Marion Böhm, Eugen Prinz und Angela Richter.

Marco und Sönke
Wie eine Bombe schlägt die Nachricht von zwei weiteren Leukämiefällen in der Elbmarsch ein: Der 9 Monate alte Marco Faulhaber, der bis vor wenigen Monaten Nachbar von Janne Ries gewesen war und nun auf der anderen Elbseite wohnt, ist an Leukämie erkrankt. Und um das Maß übervoll zu machen, wird auch noch bei dem 19jährigen Sönke Rehr aus Niedermarschacht Leukämie diagnostiziert . Angst bis hin zur Panik breitet sich aus in der Elbmarsch, die Ärzte kommen aus ihren Praxen gar nicht mehr heraus, weil sie ständig von verängstigten Müttern mit ihren Kindern aufgesucht werden. Lange Gespräche, hunderte Male geführt, um Verständnis für die Krankheitssymptome zu schaffen, die ohne Vorwarnung, von einem auf den anderen Tag auftreten können. Immer wieder werden Blutuntersuchungen durchgeführt – zum Glück im Unglück tritt danach keine neue Leukämie mehr auf.

Die Bürgerinitiative
Die Bürgerinitiative fand sich schnell: Zu den ersten Versammlungen kamen regelmäßig über 80 Menschen, davon mehr als zwei Drittel Frauen. Die Arbeit ging in drei Richtungen: Begleitung der wissenschaftlichen Untersuchungen mit Information der Bevölkerung, Öffentlichkeitsarbeit und Unterstützung der Leukämiekranken.
An einem heißen Juliabend informieren im „Marschachter Hof “ Dr. Michael Csicsaky vom niedersächsischen Sozialministerium, Dr. Wolfgang Sowislo von der Bezirksregierung Lüneburg und Kreisdirektor Hesemann vom Landkreis Harburg die BI über erste Untersuchungen. Im Raum ist auch ein junger, fahlblasser Mann mit haarlosem Kopf. Die aufgeheizte Luft scheint zu erstarren, als er sagt: „Ich bin Sönke Rehr. Ich habe Leukämie. Und ich bin hier, um zu wissen, für wen ich ein Restrisiko bin.“ Die Konfrontation mit einem wahrhaft Betroffenen, einem Todkranken trifft ausnahmslos alle Anwesenden bis ins Mark. Sie spüren, was sie wissen: es geht der Bürgerinitiative nicht um Kleinigkeiten, es geht um Leben und Tod. Die Macht der Fakten, der Bedrohung ihres eigenen Lebens und mehr noch das ihrer Kinder treibt die Menschen immer wieder zu den Versammlungen, den Arbeitsgruppen und den Pressekonferenzen.
Als die ersten Spenden kommen – Irmtraud Viertel aus Tespe hat bereits über 4.000 DM zusammen – gründet die BI den „Verein Bürger gegen Leukämie in der Elbmarsch e.V.“ Bis heute sind über 50.000 DM gespendet worden, die einerseits Betroffenen, andererseits der Ursachenforschung zugute gekommen sind. Insbesondere die Unabhängigkeit, eigenständig Forschungsaufträge in Höhe von mehreren Tausend DM vergeben zu können, hat der BI enorme Handlungsmöglichkeiten beschert..

Die Untersuchungen – keine Spur
Die Arbeitsgruppe zur Information der Bevölkerung tagte am 14.6. 91 erstmals in Marschacht. Erste Untersuchungsergebnisse wurden vorgelegt, das aufregenste war die Schließung zweier Trinkwasserbrunnen im Niedermarschachter Wasserwerk. In Brunnen I wurde eine geringe Grenzwertüberschreitung (10%) des Schadstoffs Dichlorprop festgestellt, in beiden Brunnen wurde eine lange Zeit unidentifizierbare stickstoffhaltige Substanz festgestellt. Die genaue Analyse war bis heute nicht möglich, jedoch läßt sich diese Substanz im Elbwasser bis in die Tschechische Republik zurückverfolgen, wo sie offenbar von einer Zellulosefabrik abgegeben wird. Doch als Ursache für die Leukämieerkrankungen kam Trinkwasser nicht in Frage, weil es in ein Verbundnetz eingespeist wird, aus dem nur die Hälfte der Erkrankten ihr Wasser bezog. Ebenso interessant wie die Grenzen der Analytik ist die Tatsache, daß diese Substanz den Weg aus dem Elbwasser durch angeblich undurchdringliche Tonschichten zu den Trinkwasserreservoirs in 70 Metern Tiefe gefunden hat. Das zeigt, auf wie wackligen Füßen alle Annnahmen über Schadstoffausbreitungswege stehen.
Einige der 16 Untersuchungspunke konnten bereits abgehandelt werden: Die Punkte 1, 2, 3, 7, 9, 12 und 13 ergaben nicht den geringsten Hinweis auf eine außergewöhnliche Belastung der Umwelt oder der Nahrung mit Schadstoffen – ein Befund, der sich mit dem Abschluß des Untersuchungsprogramms immer mehr verstärkte. Letztlich blieb als mögliche Ursache das übrig, was Bürgerinitiative und kritische Wissenschaftler von vornherein im Verdacht hatten, nämlich radioaktive Strahlung.

Eine Professorin findet erste Hinweise auf Radioaktivität
Die Untersuchungen wurden in zwei Kommissionen angestellt, zu der im Herbst 1992 noch eine dritte hinzukommen sollte: Die bereits mit der Untersuchung des Sittensen-Clusters6 befaßte niedersächsische Experten-Komission, die Fachbeamten-Kommission „Radioaktivität“, in der niedersächsische und schleswig-holsteinische beamtete Wissenschaftler Umweltdaten untersuchten und später die Experten-Kommission zweier Länder, die der schleswig-holsteinische Energieminister Günter Jansen ins Leben rief, um prüfen zu lassen, ob radioaktive Abgeben für die Leukämieerkrankungen verantwortlich seien.
Bei der 2. Sitzung der Arbeitsgruppe zur Information der Bevölkerung am 12.12. 1991 waren Schwerpunkte die Emissionen der Chem. Fabrik Bock und radioaktive Strahlen. Eine erste Begutachtung des Produktionsprozesses und der dazu benötigten Stoffe der Chemischen Fabrik Bock ergab, daß eine leukämogene oder karzinogene Potenz nicht zu erwarten ist. 7 (Protokoll der 2. Sitzung der Arbeitsgruppe Leukämie) Die Firmenleitung der chemischen Fabrik, namentlich die Herren Günter Bock und Dr. Udo Gillandt, zeigte sich äußerst auskunftsbereit und entgegenkommend. Dies gipfelte in einer späteren, von der Bürgerinitiative in Auftrag gegebenen zweiten Begutachtung, die gleichfalls keinen denkbaren Zusammenhang zwischen den Leukämieerkrankungen und dem Betrieb der chemischen Fabrik herstellen konnte. Die Kernkraftwerk Krümmel GmbH ist leider weniger entgegenkommend aufgetreten.

Motor der Untersuchungen ist immer wieder die Bremer Physik-Professorin Dr. Inge Schmitz-Feuerhake, die am 12.12. 91 erstmals Hinweise für ein Einwirken radioaktiver Strahlen bekanntgibt. Sie hatte bei fünf Geschwisterkindern der an Leukämie Erkrankten speziell präparierte Blutzellen (Lymphozyten) auf Chromosomenveränderungen, sogenannte dizentrische Chromosomen (Dics) hin untersucht. Bei drei Kindern wurde sie fündig, die von ihr genannte Zahl von 4 dizentrischen Chromosomen bei 5005 untersuchten Zellen (Metaphasen) bedeutet nach ihrer Ansicht eine Verdoppelung der zu erwartenden Anzahl von 0,4 Dics pro 1000 Metaphasen. Sie fordert, in größerem Umfang Erwachsene aus der Elbmarsch auf Chromosomenaberrationen hin zu untersuchen.

Krumme Touren oder wie man verwertbare Ergebnisse schon im Ansatz unmöglich machen kann
Die Expertenkommission beschloß jedoch am 18.2. 92 mehrheitlich, Chromosomenuntersuchungen an Kindern vorzunehmen, und zwar 30 aus der Elbmarsch und 30 aus einer unbelasteten Kontrollregion, Konzeption und Durchführung der Studie übernahm der Vorsitzende der niedersächsichen Expertenkommission, Prof. Hans-Erich Wichmann. In Marschacht stellte er die Einzelheiten der geplanten Chromosomenstudie vor und benannte als untere Altersgrenze der zu untersuchenden Kinder 3 Jahre. Auf Vorhalte der BI, daß Kleinkinder absolut ungeeignet für den Nachweis einer wahrscheinlich länger, nämlich bis zu 6 Jahren zurückliegenden Strahlenbelastung seien, wurde das Mindestalter nach oben korrigiert. Nicht erfüllt wurde die BI-Forderung nach Durchführung der Erwachsenenstudie, obwohl Erfahrungen über das Verhalten dicentrischer Chromosomen bei Kindern zu diesem Zeitpunkt fehlen.
Gegen erheblichen Widerstand gelang es der BI-Vertreterin, Ernährung aus dem eigenen Garten als wichtiges Auswahlkriterium für Elbmarschstudienteilnehmer durchzusetzen. Die Ernährung aus wohnortnahen Quellen scheint deshalb von Bedeutung zu sein, weil die Mehrzahl der erkrankten Kinder sich aus dem eigenen Garten ernährt hat und radioaktiv belastete Nahrungsmittel ein denkbarer Belastungspfad sein könnten.
Frau Dr. Fender vom Bundesgesundheitsamt (BGA) versuchte auf dieser Kommissionssitzung unter Verweis auf eine eigene Publikation über den Einfluß des Rauchens, die Strahlenspezifität der Chromosomenuntersuchung in Frage zu stellen, der sie selbst noch im Bundesgesundheitsblatt vom November 91 „eine besondere Bedeutung“ zugemessen hatte. 8
Dabei wurde eine englische Originalarbeit in der Aussage grob verfälscht. Im Mai 92 verhindert edie BI, daß die Ergebnisse der Untersuchung schon durch eine falsche Probandenauswahl verwässert wird. Es waren wieder Kinder von 0 bis 15 Jahren im Gespräch und Wohnorte außerhalb des 5-km-Radius. Nachdem das für die Studiendurchführung verantworltiche Institut (GSF) bei einer Besprechung entgegen der Absprache der Kommission verlauten ließ, daß Ernährung aus regionalem Anbau bei der Probandenauswahl zu vernachlässigen sei, forderte die BI, an der Auswahl beteiligt zu werden. Prof. Wichmann lehnte ab.
Unter riesiger Hilfsbereitschaft der Bevölkerung wurden in Marschacht und in Plön, der schleswig-holsteinischen Vergleichsregion, Probanden ausgewählt, die für die Blutspende geeignet schienen.
Die Befürchtung der BI bestätigte sich: Der Faktor Ernährung war bei der Probandenauswahl in der Elbmarsch nicht berücksichtigt worden. Hingegen war bei der Vergleichsregion Plön der Faktor Ernährung aus dem eigenen Garten beachtet worden. Damals erschient dieses Vorgehen vollends unsinnig, da die Vergleichsregion sich gerade dadurch auszeichnen sollte, daß ein Atomkraftwerk hier nicht existiert und somit Radioaktivität in der Nahrungskette nicht erwartet werden konnte. Was man erst Monate später erfuhr: Gerade dieser Landkreis ist vom Tschernobyl-Fallout stark betroffen, wie ein Blick in den „Lengfelder-Atlas“ unschwer frühzeitig verraten hätte. Es ist alles getan worden, um die Strahlenbelastung in Plön anzuheben, in der Elbmarsch hingegen vieles getan worden, um ein möglichst unauffälliges Ergebnis zu erhalten. In aller Eile wurden auf Kosten des Steuerzahlers 12 Kinder aus der Elbmarsch zusätzlich in die Untersuchung einbezogen – hier wurde auf den Nahrungspfad geachtet.
Im Juli 92 präsentierte Inge Schmitz-Feuerhake ein weiteres Ergebnis eigener Forschungen: bei fünf untersuchten Erwachsenen, es handelte sich um Elternteile leukämiekranker Kinder, fand ihr Bremer Institut insgesamt 1,7 dicentrische Chromosomen pro 1000 untersuchter Zellen, diese Zahl wurde von Prof. Obe (Uni Essen) bestätigt; diese Zahl wird später auf 3,2 erhöht – mit 1,7 wollte man die absolut unstrittig als Dics erkannten Chromosomen bekanntgeben, um allen immer wieder vorgetragenen Einwänden gegen das Bremer Institut vorzubeugen. Das Ergebnis zeigte einmal mehr, daß die dicentrischen Chromosomen mit der Nähe der untersuchten Probanden zu den Leukämiekranken stark zunimmt. Das deutet auf eine kleinräumige Strahleneinwirkung hin, wie sie zum Beispiel durch Nahrung aus dem eigenen Garten denkbar wäre. Diese Nähe zu den Leukämiefällen hat die offizielle Untersuchungskommission nie zum entscheidenden Kriterium gemacht.

Im September 92 beschloß die niedersächsische Expertenkommission die von der BI von Anfang an geforderte Chromosomenstudie an Erwachsenen: 15 Erwachsene aus Elbmarsch mit Ernährung aus dem Supermarkt, 15 weitere mit Ernährung aus eigenem Anbau sollten mit einer Kontrollgruppe von 15 Erwachsenen wieder aus Plön verglichen werden. Die Ergebnisse lagen erst im Jahre 1993 vor, ergaben jedoch kein stimmiges Bild.

Die Knochenmarkspenderdatei
Sönke Rehr, der zwischen seinen Chemotherapien in Eppendorf immer wieder die BI-Sitzungen besucht, schwankt zwischen Hoffen und Hoffnungslosigkeit. Mehrfach scheint die Therapie anzuschlagen, bis sich nach wenigen Wochen neue Leukämiezellen bilden. Sein Mutter Christa, seine Verlobte Anke und sein Freund Karim kümmern sich unermüdlich um ihn. Wenn es ihm gutgeht, kommt er zu den BI-Sitzungen. Ist es die Ahnung, daß er der Krankheit unterliegen wird? Eine Knochenmarktransplantation ist die letzte Hoffnung. Er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, daß es zu wenige Knochenmarkspender gibt. In den USA gibt es eine Datei mit 400.000 registrierten Spendern, in der Bundesrepublik nur 35.000 – daraus kann man keine Hoffnung schöpfen. Die BI bereitet eine Knochenmarkspendeaktion vor. Ilona Halbe und viele andere organisieren den Termin in der Tesper Schützenhalle, Eugen Prinz arbeitet mit der Deutschen Knochenmarkspendedatei (DKMS) zusammen und macht die Pressearbeit. Am 17. 6. 92 Juni finden in Tespe, Winsen und Geesthacht Bluttesttermine statt, zu denen 1.717 Menschen kommen. Der „Lion´s Club“ in Winsen wie die Johanniter in Geesthacht haben enorm geholfen, wie die DRK-Ortsvereine in der Elbmarsch. Am Jahresende gibt es in der Bundesrepublik über 100.000 registrierte potentielle Knochenmarkspender.
Wenige Tage nach der Aktion: Sönke ist verzweifelt: Wieder haben sich Leukämiezellen gebildet, die Ärzte machen ihm keine Hoffnung mehr. Einige Monate, vielleicht ein halbes Jahr habe er noch zu leben. Eine Knochenmarktransplantation ist nicht mehr möglich. Sein Wunsch, auch nur wenige Stunden am Tag arbeiten zu können – er ist gelernter Tischler – geht nicht in Erfüllung. Er kann das Angebot des Landkreises Harburg nicht mehr annehmen.
Bewundernswert ist die Haltung seiner Mutter und seiner Verlobten. Sönke und Anke überlegen, ob sie heiraten sollten. Er spricht mit Freunden aus der BI, schließlich mit Pastor Otto Kopka. Niemand rät ihm ab. Die Hochzeit wird für Anfang Oktober geplant.
Der Sommer ist für Sönke schrecklich. Seine Kraft nimmt immer mehr ab, essen kann er fast nichts mehr, die Stunden, die er sich auf den Beinen halten kann, werden immer weniger. Seine Mutter, seine Verlobte und die Ärzte helfen ihm, seine Krankheit zu Hause erleiden zu können und nich tin den traurigen krankenzimmern der Krebsstation in Hamburg-Eppendorf. Trotzdem behält er sein Ziel vor Augen, und er erreicht es. Anfang Oktober tritt er mit seiner Verlobten vor den Traualtar. Trauer und Glück in einem, Pastor Kopka spricht die Dinge so an, wie sie sind. Daß auch ihm die Stimme zeitweise versagt, ist nur zu verständlich. Auch wenn Sönke im Rollstuhl fährt – die Hochzeit wird im „Marschachter Hof“ gefeiert. Fast alle seine Freunde sind dabei, auch die Schwiegereltern, die alles andere als erfreut waren. „Das ist der schönste Tag in meinem Leben,“ sagt er – und das ist die volle Wahrheit.
Wenige Tage später bricht er zu einer Reise zu Freunden auf. In der Nähe von Köln ist seine Kraft zu Ende. Er muß ins Krankenhaus und stirbt in der darauffolgenden Nacht.
Sönke war die Seele der Bürgerinitiative – mit ihm stirbt ein Teil von ihr.

Unplausible Ergebnisse – und wie sie zustande kamen
Das Ergebnis der sogenannten Kinder-Chromosomenstudie im Mai 1993 warf nur Rätsel auf: Bei den Elbmarsch-Probanden wurden 0,43 dicentrische Chromosomen je 1000 untersuchten Metaphasen gefunden- ein normaler Wert – bei den Plönern jedoch 0,706. Die 19 Dics in der Plöner Probandengruppe stammten allesamt von Mädchen, die 19 der 30 Plöner Untersuchten stellten. Eine Probandin wurde mit 4 Dics gezählt, eine andere mit 3, 3 weitere mit 2 Dics. Übereinstimmend sagten alle an der Untersuchung beteiligten Labors, daß ihnen mehr als 2 dicentrische Chromosomen je 1000 ausgezählten Metaphasen bei einer unbelasteten Kontrollgruppe noch nie begegnet sei. Also blieben drei Fragen: Warum ist der Befund bei den Plönern höher als bei den Elbmarschern? Warum finden sich die Befunde nur bei den Plöner Mädchen, und warum finden sich diese exorbitant hohen Werte?
„Die haben uns über den Tisch gezogen,“ war die erste Reaktion
von Inge Schmitz-Feuerhake nach der Sitzung der Expertenkommission in Hannover. Immer wieder sagte sie diesen Satz. Signifikant an der Untersuchung waren vor allem die Zufälle. Die BI sprach ziemlich bald von Manipulation, was ihr böse Reaktionen einbrachte. Erst über eineinhalb Jahr später wurde festgestellt, daß das ehemalige BGA-Institut der Frau Dr. Fender offenbar nicht in der Lage oder nicht willens ist, dicentrische Chromosomen zuverlässig zu identifizieren und zu zählen. Dem Bremer Institut von Prof. Schmitz-Feuerhake dagegen wurde erstklassige Arbeit attestiert.
Damit fand die Kinderchromosomenstudie ein unrühmliches Ende, sind die Ergebnisse doch nicht zu verwenden.
Verwendbar hingegen waren Untersuchungen, die die Bürgerinitiative veranlaßt hatte: Bei fünf Personen, es handelte sich um Elternteile von Leukämiekranken, war ein Mittelwert von 2,32 Dics pro 1000 Zellen gefunden worden – ein Ergebnis, das wiederum auf hohe Strahleneinwirkung schließen ließ. Die Untersuchten wohnten allesamt nahe bei den Leukämiekranken. Damit war Inge Schmitz-Feuerhake bei drei Untersuchungen dreimal auf ein signifikantes Ergebnis gekommen, das sich mit der Nähe zu den Leukämiefällen auch nachvollziehbar erklären läßt. Weitere Untersuchungen bestätigten diesen Befund. „Wir selbst hatten inzwischen unsere Untersuchungen mit Hilfe der Bürgerinitiative auf 19 Erwachsene der Elbmarsch ausgedehnt und sind nun sicher, daß die Bevölkerung dort tatsächlich verstrahlt wurde.“ 9

Bislang ungelöste Rätsel in Baumscheiben
Bereits im November 1992 hatte Prof. Schmitz-Feuerhake in Marschacht erste Beprobungen von Baumscheiben auf Radioaktivität hin bekanntgegeben. Nach ihren Untersuchungen waren Baumscheiben aus der Elbmarsch mit strahlendem Material belastet – vermutlet wurde Tritium – Baumscheiben aus anderen Regionen hingegen nicht. Das neuerliche Indiz brachte die Gegenseite in Aktion, die sowohl Methode als auch Ergebnis bezweifelte, jedoch nicht erklären kann, warum Bäume aus der Elbmarsch anders reagieren als Bäume von anderswo. Und zwar zeigt sich die radioaktive Spur wiederum um so stärker, je näher sie räumlich zu den Leukämiefällen liegt. Die sich anschließenden Untersuchungsergebnisse werden vermutlich im September bekanntgegeben, was noch keine Gewähr dafür bietet, daß sie auch einvernehmlich beurteilt werden. Wieviel Strahlung ist in Baumscheiben normal ? 1 Becquerel je Kilogramm, oder 10, oder 100 ? Wieviel muß da sein, um ein Atomkraftwerk abzuschalten ?

Enttäuschung über Öko-Institut
Nach über einjähriger Reparaturphase ging das AKW Krümmel im Oktober 94 wieder ans Netz. Das von der Bürgerinitiative und Robin Wood durchgesetzte Öko-Institut, das zuvor alle betriebsrelevanten Daten des AKW geprüft und bewertet hatte, attestierte diesem, keine leukämierelevanten Dosen freigesetzt zu haben. Daraufhin traute sich der Kieler Energieminister Claus Möller nicht, die Erlaubnis zum Wiederanfahren des Reaktors zu verweigern.
Diesem vorschnellen Urteil entgegen steht die These von Inge Schmitz-Feuerhake, daß diffuse Freisetzungen aus dem Maschinenhaus sowohl die Strahlung in Baumscheiben als auch die dicentrischen Chromosomen als auch die Leukämiefälle verursacht haben. Untermauert wird diese These durch eine Fülle von Spuren radioaktiver Edelgase, die als „Meßfehler“, „Gerätestörungen“ oder „unerklärliche Ergebnisse“ keinen Sinn machen, als Spuren von radioaktiven Leckagen hingegen schon.
Eine Sinn macht diese These zusammen mit einem Ereignis aus dem Jahre 1987, das die Elbmarsch in Tespe an den Rand einer Naturkatastrophe brachte. Infolge einer Eisversetzung, eines Eisstaus kurz vor der Staustufe in Rönne, staute sich das Elbhochwasser bis an die Deichkrone. Das AKW Krümmel drohte voll Wasser zu laufen. Der damalige alte Tesper Elbdeich war durchlässig wie ein Schwamm. Das Elbwasser drückte durch den Deich und überschwemmte die elbnahen Bereiche, in denen später die Leukämiefälle auftraten. In diesen Bereichen wohnen auch die Menschen, bei denen Inge Schmitz-Feuerhake erhöht dicentrische Chromosomen feststellte. Hier steht auch die Kastanie, in der erhöhte Radioaktivität festgestellt wurde, hiervon betroffen ist auch die Marschachter Eiche, bei der gleichfalls Radioaktivität in Baumringen vermutet wurde. Auf welchem Wege auch immer die radioaktiven Stoffe den Weg zu ihren Opfern gefunden haben, das 1987er Elbhochwasser dürfte eine wichtige Rolle gespielt haben. Entweder waren die Schadstoffe in ihm, oder es hat sie aufgenommen und in die Gärten getragen. Es hat sich wohl um eine kleinräumige Verseuchung gehandelt, an der jede großangelegte Vergleichuntersuchung vorbeilaufen muß.
Die Wasserhypothese, die aus der Bürgerinitiative heraus immer wieder ins Spiel gebracht wird, wurde bislang wohl deshalb nicht aufgenommen, weil keiner der untersuchenden Wissenschaftler sich vorstellen kann, wie ein schleichender Deichbruch wirkt. Sie paßt dennoch mit den bisher bekannten Indizien zusammen.

Ausblick
Noch sind wichtige Untersuchungen nicht abgeschlossen, und es ist durchaus denkbar, daß weitere erdrückende Indizien für eine zurückliegende radioaktive Belastung der Elbmarsch gefunden werden.
Das Leukämie-Cluster hat die Menschen in der Elbmarsch verändert. Umweltschutz, gesunde Nahrung und Vorsorge für die Kinder spielt eine ungleich wichtigere Rolle als zuvor. Viele Menschen haben gelernt, sich zu engagieren, selbst etwas zu tun, sich mit anderen zusammenzuschließen. Das bereichert die Gemeinschaft
und trägt Früchte. Der Glaube an die Politik und ihre Möglichkeiten ist deutlich geschrumpft – er ist jetzt vielleicht so realistisch wie er immer schon hätte sein sollen.

Drei von sieben an Leukämie Erkrankten leben nicht mehr – die anderen verdanken ärztlicher Kunst ihr Leben, und sie haben gute Chancen, völlig geheilt zu werden. Seit über vier Jahren ist kein neuer Fall kindlicher Leukämie aufgetreten, und darüber sind alle froh. Doch ist dies kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen.
Die Bürgerinitiative macht weiter, auch wenn die Zahl der Aktiven stark geschrumpft ist. Und alles Trennende in ihr, das in den unterschiedlichen Charakteren begründet sein dürfte, wird sofort vergessen, wenn auch nur ein weiteres Kind an Leukämie erkrankt.
* Die richtigen Namen sind dem Autor bekannt

1 Elbufer-Bote, 22.3. 1990 S. 1f
2 Elbufer-Bote, 22.3. 1990, S. 2
3 M. Demuth: Leukämiemorbidität bei Kindern in der direkten Umgebung des Kernkraftwerkes Krümmel, Drage, 1991
4 Demuth, a.a. O. S. 12f.
5 Arbeitsgemeinschaft zur Reinhaltung der Elbe
6 Sittensen-Cluster: Häufung von Leukämiefällen in der niedersächsischen Gemeinde Sittensen
7 Bezirksregierung Lüneburg: Protokoll der 2. Sitzung der Arbeitsgruppe Leukämie in der Elbmarsch
8 Fender u.a.: Bundesgesundheitsblatt 11/91, S. 519
9 Inge Schmitz-Feuerhake: Bürger wurden verstrahlt , Frankfurter Rundschau, vom 18.10. 1994

Uwe Harden
geb. 22.2. 1952 in Geesthacht, verheiratet, 2 Kinder von 13 und 3 Jahren, Schulbesuch in Niedermarschacht und Geesthacht;
Tod der Mutter an Leukämie 1968, 2 Jahre,nachdem sie den Dachstuhl ihres Hauses mit Xylamon gestrichen hatte; Studium der slavischen Sprachen in Göttingen und Hamburg, Journalist und Verleger, Kommunalpolitiker seit 1976, Bürgermeister der Gemeinde Drage seit 1991, Abgeordneter des Niedersächsischen Landtages seit 1994

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